J.C. Rufin: “Globalia”

Kritik — Globalia ist ein wirklich großartiger utopischer Roman Jean-Christophe Rufin. Wie in Orwells oder Huxleys Werken geht es um den vermeintlich perfekten zukünftigen Staat, der sich bei näherem Hinsehen aber eher als Horror-Szenario entpuppt.

„Globalia“ besteht aus vielen „gesicherten Zonen“, deren Bewohner durch Glasdächer vor allen äußeren Einflüssen geschützt werden. Grund ist auch die Angst vor Terroristen, denen es aber trotzdem immer wieder gelingt in die heile Welt einzudringen und dort mit Anschlägen die Bevölkerung zu ängstigen. Dieser Terrorismus ist der Führung Globalias jedoch höchst willkommen, da er in der Bevölkerung einen gewissen Angst-Level garantiert, der wiederum sicherstellt, dass das Volk nicht allzuviel über sein Leben und über den Staat nachdenkt, sondern dem Konsum frönt.

Modernste Technologie ermöglicht es den Globaliern ein sehr hohes Alter zu erreichen, ein soziales Netz schützt vor Verarmung, Konsum und Product-Placement sind allgegenwärtig, Rauchen, Trinken, Fleischessen und der Verbrauch jeglicher natürlicher Ressourcen sind tabu und der Gesellschaftsschutz verspricht Sicherheit. So leben die Globalier eingelullt von Kommerz und gesteuerten Medien und hecheln von einem Vergnügen zum nächsten besten, von einer Mall in die andere.

Doch das Leben in den gesicherten Zonen ist nicht jedem zugänglich: der weit größere Teil der Welt besteht aus den sogenannten „Non-Zonen“. Dort lebt – oder besser – vegetiert der Rest der Menschheit in einer verseuchten Umgebung und in ständiger Angst vor seinen Nachbarn und umherziehenden Banden. Dieser staatenlose Zustand, der wohl Hobbes‘ Naturzustand sehr ähnlich ist, wird ebenfalls von den Globaliern dominiert: immer wieder werden angebliche Terroristen-Camps bombardiert und danach wird an die Bevölkerung etwas Nahrung als Entschädigung ausgegeben. Hintergrund ist natürlich nicht – wie in den Medien verbreitet – der Kampf gegen Terroristen, sondern die ständige Destabilisierung der Non-Zonen. Staatenbildung oder eine Organisierung der dort Lebenden muss in jedem Fall unterbunden werden – um der Sicherheit Globalias willen.

Im weiteren geht es um drei Globalier, die sich gegen den Staat auflehnen und beginnen ihre Umwelt zu begreifen, um eine beinahe perfekte Demokratie, aber auch um Liebe, Freundschaft und v.a. Menschlichkeit.

Wichtig ist dieses Buch weil es viele Aspekte, die heute schon Realität sind, zu einer spannenden Utopie kombiniert und dem Leser klar macht, warum es sich lohnt ein wenig weiter zu denken und kritisch zu sein.

Die aktuellen Bezüge sind unüberlesbar: Kampf gegen den Terrorismus als Begründung für diverse politische Massnahmen, Allgegenwart der Wirtschaft und ihr Einfluss auf die Politik, Gentechnik, Überwachung der Bürger und Bildung eines einheitlichen Staatengebäudes auf Basis verschiedener Völker: all das ist heute Thema und Rufin zeigt überspitzt (oder logisch weitergedacht?) auf, wohin dies alles führen könnte bzw. wie weit wir heute schon an seinem Szenario sind. Dabei ist die Beurteilung „seines Globalias“ sehr vom Beobachter abhängig: mancher findet es (so wie Autor und Protagonist) abstossend, ein anderer wird sich vielleicht teils im Durchschnitts-Globalier selbst erkennen und ein dritter findet die Vorstellung sogar ganz verlockend, in einer solchen Welt zu leben…

Unbedingt lesen, sehr empfehlenswert!

Globalia – Jean-Christophe Rufin; 501 Seiten; Hardcover; erschienen im Februar 2005 bei Kiepenheuer & Witsch; 22,90 €

Links zum Thema:

  • Kritik von A. Rieger
  • NDR-Kurzkritik
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