Kurznotiz: Kindle doch nicht so global

Wired weist darauf hin, dass der „International Kindle“ stärker eingeschränkt ist, als bisher bekannt. So sei der in den USA kostenfreie Zugriff auf das Web und bestimmte Blogs außerhalb der Vereinigten Staaten gar nicht erst möglich. Außerdem werde das Gerät mit amerikanischem Stecker geliefert, somit sei man auf unschöne Adapter angewiesen.

Grund für den eingeschränkten Internetzugang dürfte sein, dass Amazon noch keine günstigen Vereinbarungen Mobilfunkbetreibern getroffen hat und so vermutlich hohe Roaming-Gebühren für den Internetzugriff seiner Kunden bezahlen muss. Da der Kindle-Nutzer für den Buchkauf zahlt, für die Nutzung von Web und Blogs aber nicht extra zur Kasse gebeten wird, sperrt Amazon diese Funktion außerhalb der USA.

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Gutenberg reloaded

Amazon Kindle

Zugegeben, das „Ende des Buches / Papiers“ wurde schon des öfteren heraufbeschworen, es ist allerdings bisher noch lange nicht eingetreten. Ein schönes Beispiel dafür ist das „papierlose Büro“, das uns schon den in den 90er Jahren versprochen wurde und von dem heute – es wird noch mehr gedruckt als früher – nicht viel zu sehen ist.

Trotzdem fühle ich das Ende des Mediums Papier nahen und zwar nicht nur, weil immer mehr Leute auch in Deutschland statt zur Zeitung eher zum Handy oder Notebook greifen, um sich mit Nachrichten zu versorgen. Vielmehr gab es in der letzten Zeit drei Dinge, die diesen bisher lediglich empfundenen Wandel zumindest für mich greifbarer gemacht haben.

Zum einen war dies das Amazon Kindle (Wikipedia), ein E-Book-Reader mit Mobilfunk-Anbindung, auf dem man elektronische Bücher nicht nur lesen, sondern auch kaufen kann. Nebenbei kann man sich für knappe 10 US-$ im Monat das Wallstreet Journal abonnieren, das dann jeden morgen drahtlos aufs Gerät geladen wird und, neben einigen anderen Funktionen, unterwegs auf Wikipedia zugreifen. Das Gerät gibt es für 399 $ ohne zusätzliche Kosten (sprich ohne Übertragungskosten über das Mobilfunknetz) momentan nur für den amerikanischen Markt. Auf die Nachteile, wie z.B. den proprietären E-Book-Standard, soll hier nicht eingegangen, festzuhalten bleibt: elektronisches Papier ist alltagstauglich, bezahlbar und bequem.

Die zweite faszinierende Meldung war nur eine kleine Notiz bei Spiegel-Online (ehemals bekannt für schlecht recherchierte Apple-Artikel): eine größere amerikanische Zeitung mit immerhin über 90-jähriger Geschichte hört auf als Printversion zu erscheinen und wird zukünftig ausschließlich im Internet publizieren — schlicht und einfach um als Marke überleben zu können.

Und die dritte Sache, das ist die Entscheidung des Verlages die Brockhaus-Enzyklopädie nicht mehr zu drucken, sondern nur noch gratis im Internet verfügbar zu machen. Als Meldung nachzulesen bei Welt oder aber etwas interessanter und philosophischer, allerdings mit meines Erachtens weniger gelungener Schlussfolgerung im Feuilleton der Süddeutschen.

Zusammenfassend: Elektronisches Papier scheint marktfähig zu sein, obwohl es sicher noch in hohem Maße verbesserungswürdig ist (aber sehen wir uns doch mal den ersten iPod an…) und eine Zeitung beschließt, ebenso wie der renommierteste deutsche Lexikonverlag, ihre – ja was denn nun? – „Erzeugnisse“ ausschließlich online und zwar umsonst zu veröffentlichen.

Vermutlich befinden wir uns nun also tatsächlich bereits deutlich im Umbruch zu einem Zeitalter, in dem die letzte (?) jahrhundertealte Konstante unserer Kultur, das gedruckte Buch, schließlich ebenfalls in der digitalen Welt aufgehen wird — mit allen Chancen, mit allen Risiken.

Picture by srharris (creative-commons-license).

J.C. Rufin: “Globalia”

Kritik — Globalia ist ein wirklich großartiger utopischer Roman Jean-Christophe Rufin. Wie in Orwells oder Huxleys Werken geht es um den vermeintlich perfekten zukünftigen Staat, der sich bei näherem Hinsehen aber eher als Horror-Szenario entpuppt.

„Globalia“ besteht aus vielen „gesicherten Zonen“, deren Bewohner durch Glasdächer vor allen äußeren Einflüssen geschützt werden. Grund ist auch die Angst vor Terroristen, denen es aber trotzdem immer wieder gelingt in die heile Welt einzudringen und dort mit Anschlägen die Bevölkerung zu ängstigen. Dieser Terrorismus ist der Führung Globalias jedoch höchst willkommen, da er in der Bevölkerung einen gewissen Angst-Level garantiert, der wiederum sicherstellt, dass das Volk nicht allzuviel über sein Leben und über den Staat nachdenkt, sondern dem Konsum frönt.

Modernste Technologie ermöglicht es den Globaliern ein sehr hohes Alter zu erreichen, ein soziales Netz schützt vor Verarmung, Konsum und Product-Placement sind allgegenwärtig, Rauchen, Trinken, Fleischessen und der Verbrauch jeglicher natürlicher Ressourcen sind tabu und der Gesellschaftsschutz verspricht Sicherheit. So leben die Globalier eingelullt von Kommerz und gesteuerten Medien und hecheln von einem Vergnügen zum nächsten besten, von einer Mall in die andere.

Doch das Leben in den gesicherten Zonen ist nicht jedem zugänglich: der weit größere Teil der Welt besteht aus den sogenannten „Non-Zonen“. Dort lebt – oder besser – vegetiert der Rest der Menschheit in einer verseuchten Umgebung und in ständiger Angst vor seinen Nachbarn und umherziehenden Banden. Dieser staatenlose Zustand, der wohl Hobbes‘ Naturzustand sehr ähnlich ist, wird ebenfalls von den Globaliern dominiert: immer wieder werden angebliche Terroristen-Camps bombardiert und danach wird an die Bevölkerung etwas Nahrung als Entschädigung ausgegeben. Hintergrund ist natürlich nicht – wie in den Medien verbreitet – der Kampf gegen Terroristen, sondern die ständige Destabilisierung der Non-Zonen. Staatenbildung oder eine Organisierung der dort Lebenden muss in jedem Fall unterbunden werden – um der Sicherheit Globalias willen.

Im weiteren geht es um drei Globalier, die sich gegen den Staat auflehnen und beginnen ihre Umwelt zu begreifen, um eine beinahe perfekte Demokratie, aber auch um Liebe, Freundschaft und v.a. Menschlichkeit.

Wichtig ist dieses Buch weil es viele Aspekte, die heute schon Realität sind, zu einer spannenden Utopie kombiniert und dem Leser klar macht, warum es sich lohnt ein wenig weiter zu denken und kritisch zu sein.

Die aktuellen Bezüge sind unüberlesbar: Kampf gegen den Terrorismus als Begründung für diverse politische Massnahmen, Allgegenwart der Wirtschaft und ihr Einfluss auf die Politik, Gentechnik, Überwachung der Bürger und Bildung eines einheitlichen Staatengebäudes auf Basis verschiedener Völker: all das ist heute Thema und Rufin zeigt überspitzt (oder logisch weitergedacht?) auf, wohin dies alles führen könnte bzw. wie weit wir heute schon an seinem Szenario sind. Dabei ist die Beurteilung „seines Globalias“ sehr vom Beobachter abhängig: mancher findet es (so wie Autor und Protagonist) abstossend, ein anderer wird sich vielleicht teils im Durchschnitts-Globalier selbst erkennen und ein dritter findet die Vorstellung sogar ganz verlockend, in einer solchen Welt zu leben…

Unbedingt lesen, sehr empfehlenswert!

Globalia – Jean-Christophe Rufin; 501 Seiten; Hardcover; erschienen im Februar 2005 bei Kiepenheuer & Witsch; 22,90 €

Links zum Thema:

  • Kritik von A. Rieger
  • NDR-Kurzkritik